Ein gewisser Blogleser namens „Socrates“ hat mich auf einen höchst interessanten Artikel über die Eidgenossen bzw. die Entstehung der Schweiz hingewiesen, den die NZZ vergangenen Sonntag publizierte. Es ist mir etwas peinlich, dass ich nicht selber auf diesen Artikel gestossen bin, doch zu meiner Verteidigung kann ich sagen, dass ich seit einer Woche in Frankreich in den Ferien verweile und bisher noch keiner NZZ begegnet bin.
Dito, jedenfalls danke ich „Socrates“ für den Tipp und akzeptiere es auch, als „Hobbyhistorikerin“ bezeichnet zu werden – schliesslich bin ich das wirklich. Ich habe den Artikel sofort auf dem Internet nachlesen können und er hat mich sehr bewegt.
Gemäss dem NZZ-Artikel „Auch die Urschweiz gab es nicht“ (http://www.nzz.ch/nachrichten/wissenschaft/auch_die_urschweiz_gab_es_nicht_1.793328.html) gibt es keinen Rütlischwur. Ich zitiere „Auf dem Rütli passierte im August 1291 gar nichts. Der Bundesbrief ist eine Vereinbarung des einheimischen Adels zur Sicherung des inneren Friedens und der bestehenden Herrschaftsordnung.“ Da ich mich schon seit längerem mit unserer Eidgenossenschaft beschäftige, bin ich natürlich bereits auf derartige Behauptungen gestossen. Doch noch nie bin ich auf eine solch fundierte und plausibel erscheinende Interpretation wie die vom Historiker Sablonier gestossen. Er beschreibt das 13. und 14. Jahrhundert in der Schweiz als eine sehr bewegte Zeit, in der die territorialen Ansprüche von aussen zunahmen. Die einheimischen Adligen wollten ihre Stellung wahren und hätten deshalb 1291 eine Vereinbarung zur inneren Friedenssicherung unterzeichnet. Es sei im Bundesbrief also nicht um Freiheit, Widerstand oder gar Gründung gegangen, sondern vielmehr um Wahrung des inneren Friedens und der bestehenden Herrschaftsordnung.
Ich muss zugeben, Sabloniers Interpretation hat durchaus Berechtigung und ich bewundere seine Arbeit. Ich schätze es übrigens sehr, dass er und die NZZ-Journalistin Kathrin Meier-Rust die alte „Schweizer Geschichte“ mit Tell und den mutigen Eidgenossen nicht anprangert, sondern diese „Gebrauchsgeschichte“ als wertvoll für die Identitätsfindung der Schweiz auf ideologische und emotionale Weise sehen.
Doch ich kann nicht ganz loslassen von der Idee, dass die Auflehnung gegen die fremde Obrigkeit auch bei den einfachen Leuten stattgefunden hat. So viele geschichtliche Dokumente weisen darauf hin. Es kann doch nicht sein, dass da kein Fünkchen Wahrheit drin steckt. Zudem beschreibt auch Sablonier die historischen Quellen dieser Zeit als spärlich und schwer zu deuten. Er sagt, es gehe darum, eine gewisse Plausibilität herzustellen und daraus schliesse ich, dass der Interpretationsspielraum gross ist und sicherlich noch nicht die hundertprozentige Wahrheit am Licht ist.
Übrigens ist Roger Sabloniers Buch „Gründungszeit ohne Eidgenossen“ bereits vergriffen. Das Interesse an der Geschichte unserer Urschweiz scheint gross zu sein und ich freue mich auf weitere Gedankenstösse und Diskussionen.