Schwören Sie auf die 4 Eidgenossen!

September 12, 2008 von Sofia Weiss

Heut morgen hab ich eine 20 Minuten-Gratiszeitung im Caffè Spettacolo durchgeblättert und bin auf eine Werbung von Emmi gestossen. Dort sind die vier Eidgenossen mit je einem Käse abgebildet, dahinter eine mystische Bergwelt. Der Slogan lautet „Schwören Sie auf die 4 Eidgenossen“.

Ich vermute, Emmi hat sich der Debatte über die Eidgenossen zunutze gemacht und Hemmigers Theorie aufgenommen. Clever!

Mir gefällt das Bild jedenfalls. Schön auch, dass Emmi die Idee der Frau aufgenommen hat. Ich würde zwar nicht auf die vier Eidgenossen schwören, aber sicher darauf, dass es früher viele mutige Eidgenossinnen und Eidgenossen gab, die sich für eine unabhängige, schöne Schweiz einsetzten!

Eidgenossen allgegenwärtig

September 11, 2008 von Sofia Weiss

Gestern zierten drei Eidgenossen die Titelseite des Blicks, heute sind vier Eidgenossen mit Käse in den Händen auf Hemmigers Blog…Diverse Personen aus meinem Umfeld, die von meiner Eidgenossen-Affinität wissen, haben mich darauf aufmerksam gemacht und gefragt, ob ich mehr dazu sagen kann. Die musste ich leider enttäuschen. Vor lauter Theorien, Bildern und historischen Studien schmerzt mir langsam der Kopf.

Was Herr Hemmiger da in den letzten Tagen auf seinem Blog veröffentlicht, bringt mich eher zum Schmunzeln. Was er wohl vorhat? Vielleicht muss man das ganze auch gar nicht so bitterernst nehmen. Schliesslich werden wir wohl nie die ganze Wahrheit wissen.

Ob unsere Nachfahren einst auch so über unser Tun rätseln werden? Sicher, unsere Epoche ist gut dokumentiert – doch wir haben schon oftmals erlebt, wie leicht Dokumente zu manipulieren sind oder wie sie sogar plötzlich verschwinden…

Johanna betört den Österreicher

September 5, 2008 von Sofia Weiss

Die neue Story von Hemmiger gefällt mir – egal ob wahr oder nicht! Wenn man schon weiss, dass Wilhelm Tell ein Märchen war, weshalb kann man dann nicht auch eine Alternativgeschichte gelten lassen, in der eine Frau die Heldin spielt. Johanna, welche die Österreicher mit ihrem Charme auspresst wie eine Zitrone und diese Informationen schliesslich gegen die Feinde des Vaterlandes verwendet.

Beide Charaktere, Tell wie auch Johanna, haben neben ihrem Heldenmut auch etwas Verwerfliches: Der eine setzt das Leben seines Sohnes aufs Spiel, indem er einen Apfel von dessen Kopf schiesst. Die andere setzt ihren schönen Körper und Charme ein, um den Feind zu bezirzen und schliesslich auszusaugen.

Namensbedeutung

September 2, 2008 von Sofia Weiss

Da ich mich für die Bedeutung und den Ursprung von Namen interessiere, hab ich mich einmal über “Johanna” schlau gemacht. Johanna Winz soll ja die vierte Eidgenossin geheissen haben.

Das Resultat lautet folgendermassen:
Namenstag von Johanna ist der 30.Mai, auf die französische Nationalheldin Johanna von Orleans bezogen, der 12. und der 13.Dezember. Eine bekannte Namensträgerin mit diesem Vornamen ist zum Beispiel die einzige Päpstin die es je gab, Päpstin Johanna. Darüber hinaus gibt es einen Asteroiden mit dem Namen Johanna.

Hat auch die Schweiz eine Heldin Namens “Johanna”? Allerdings lebte Jeanne d’Arc von 1412 bis 1431, also haben die Eltern von Johanna Winz sie nicht nach der Heldin benennen können. Die Päpstin Johanna hingegen lebte schon im 9. Jh. und ist übrigens auch ein typisches Beispiel einer weiblichen historischen Figur, die man aus der Geschichte tilgen wollte.

Wieder eine Überraschung

September 1, 2008 von Sofia Weiss

Bin wieder einigermassen auf den Beinen. Ich hatte eigentlich vor, mit meiner Familie am Wochenende ins Maggiatal zu fahren, musste aber widerwillig erkennen, dass es angesichts meines Gesundheitszustandes keine so gute Idee war.

Naja, nun hatte ich genügend Zeit, um über die neuen Theorien von Hemmiger nachzugrübeln. Seine neue Theorie über den Bundesbrief kann ich nicht so recht glauben. Wie soll er auch an diese Infos rangekommen sein? Und auch wenn es wirklich stimmen würde: Diese Ausstellung war im Jahr 2003. Demnach wäre ja bis zu diesem Jahr die Rede von vier Talschaften die Rede gewesen, was aber nicht der Fall war. In einem stimme ich aber voll und ganz mit Hemmiger überein: Das Leben ist voller Überraschungen. Vertuschtes in der Geschichte kann plötzlich ans Licht kommen und unsere alten Werte und Bilder komplett über den Haufen werfen.

Gerade hat Hemmiger noch ein Bild von Füssli aufgeschaltet. Darauf zu sehen ist diese Johanna Winz und ein anderer Eidgenossen. Die zwei scheinen sich ja ziemlich nahe gestanden zu haben. Ob sie sogar verheiratet waren? Sie trägt jedenfalls eine Haube. Das wäre schon sehr fortschrittlich für diese Zeit gewesen, wenn ein Mann seine Frau an ein wichtiges politisches Ereignis mitgenommen hätte. Mal schauen, was wie Hemmiger dieses Bild interpretiert. Ich bin immer offen für neue Überraschungen!

Von Viren und dem Bundesbrief

August 28, 2008 von Sofia Weiss

Ist das mühsam! Ich hab mir eine richtig heftige Grippe eingefangen und liege seit zwei Tagen bei schönstem Wetter im Bett. Einmal glaube ich zu erfrieren, schlottere am ganzen Körper und meine Nackenhaare stellen sich auf. Das andere Mal läuft mir der Schweiss in Bächen herunter und ich habe das Gefühl vor Hitze zu vergehen. Hustenanfälle quälen mich und ich habe bereits Bauchmuskelkater. Wenigstens etwas für die Fitness… Ein Kollege von mir hat sich beim Husten sogar eine Rippe gebrochen. Ich hoffe einmal, dass ich davon verschont bleibe.
Genug geklagt, heute Morgen fühlte ich mich für eine Weile etwas besser und hab mich an meinen Compi gesetzt. Die Behauptungen dieses Hemmigers lassen mich einfach nicht los. Er tut sehr geheimnisvoll und macht immer wieder Anspielungen, dass er noch viel mehr weiss. Hemmiger hat angetönt, der Bundesbrief sei an einer Ausstellung in Amerika ausgetauscht worden. Nimmt mich Wunder, wie er seine Story mit den 4 Eidgenossen anhand dieses Bundesbriefes beweisen möchte. Denn im Bundesbrief ist meines Wissens weder von drei, noch von vier Eidgenossen die Rede…
Uff, jetzt ist mir schon ganz schwindlig. Schnell wieder ins Bett. Dass einen so kleine Bakterien dermassen plagen können…

Lauter Ignoranten?

August 25, 2008 von Sofia Weiss

Erstaunlich wie viele Schweizer laut der Abstimmung in den 20 Min immer noch an den Rütlischwur glauben. Ignorieren all die Leute die neuen Erkenntnisse der Historiker, die laufend in den Medien publiziert werden? Haben die einmal etwas von Roger Sablonier gehört?

Hemmiger wagt sich auf dünnes Eis

August 25, 2008 von Sofia Weiss

Dieser Hemmiger hat wirklich Nerven. Jetzt publiziert er ein Bild mit vier Eidgenossen, wobei die vierte Person eine Frau sein soll. Das Bild stamme von Johann Heinrich Füssli, der 1780 das bekannte Bild des Rütlischwurs mit drei Eidgenossen gemalt hat. (Mehr auf Wiki: de.wikipedia.org/wiki/R%C3%BCtlischwur) Wenn seine Behauptung stimmt, dann wundert es mich sehr, dass die Medienverantwortlichen des Kunsthauses Zürich nie mit dem Bild an die Öffentlichkeit gingen! Oder haben etwa konservative Kreise die Publikation verhindert?

Jedenfalls ist das Bild jetzt publik und hat es geradewegs ins 20 Minuten online geschafft: www.20min.ch/unterhaltung/wettbewerbe/story/27723454. Auf den oben erwähnten Eintrag auf Wikipedia wird übrigens erwähnt, dass auf einer Darstellung aus dem Jahr 1908 einer der drei Eidgenossen als Frau dargestellt wird, wodurch das „einzig Volk von Brüdern“ erstmals auch die „Schwestern“ mit einbezog. Ob es sich dabei auch um eine Darstellung von J.H. Füssli handelt, bleibt offen.

Dieser Hemmiger eröffnet ganz neue Dimensionen und wagt sich dabei auf dünnes Eis. Ich weiss ehrlich gesagt nicht, wie ich das alles einordnen soll und ob es nicht einfach ein schlechter Witz eines gelangweilten Rentners ist

Hemmigers abstruse Theorie

August 22, 2008 von Sofia Weiss

Heute Vormittag habe ich einen neuen Kommentar zu meinem letzten Blogeintrag erhalten, der mich aufhorchen liess. Er stammt von einem gewissen R.A. Hemmiger, der mich auf seinen eigenen Blog aufmerksam gemacht hat. Natürlich schaute ich mir diesen Hemmiger-Blog sofort an. Darin beschreibt er eine völlig neue Theorie über die Eidgenossen: http://roberthemmiger.blogspot.com/. Er scheint zu wissen, dass es nicht drei, sondern vier Eidgenossen waren und – jetzt kommts! – dass die vierte Person eine Frau namens Johanna Winz war.

Diese wagemutige Behauptung macht Hemmiger, nachdem sich zahlreiche Historiker jahrelang die Zähne an diesem Thema ausgebissen hatten und zum Schluss gekommen sind, dass es den Rütlischwur gar nicht gab. Spannend ist es aber auf jeden Fall und ich bin neugierig, ob dieser Hemmiger noch mehr Fakten zu seiner Theorie liefern kann.

Selbst wenn das wirklich stimmt mit dieser Schillerfassung, wie kann Hemmiger ein solches Gedicht aus dem 19. Jahrhundert als Beweismittel für seine Theorie aufführen? Dieser Schiller lebte gut 500 Jahre nach dem (vermeintlichen) Rütlischwur. Er musste seinerseits also auch auf Quellen zurückgreifen. Vielleicht aber hat er die Frauenstory einfach nur zusammengedichtet. Wie dem auch sein – jedenfalls schreit Hemmigers Theorie nach weiteren Beweisen. Hemmiger, ich bin hellwach und warte!

Die Rolle der Frau – ein schwarzes Loch?

August 19, 2008 von Sofia Weiss

Am Wochenende habe ich das Thema Mythen während dem gemeinsamen Nachtessen mit unseren Freunden nochmals hervorgekramt. Was zuerst eher zum Missmut meines Mannes führte, entwickelte sich zu einer spannenden Diskussion. Sabina und Tom sind ebenfalls der Meinung, dass die Geschichte des einfachen Volkes eine ganz andere als die der Adligen und Gelehrten ist und leider nirgends verlässlich festgehalten ist. Wir kamen zum Schluss, dass diese Geschichte wohl nie vollkommen rekonstruiert werden kann. Jedoch steckt ein Stück Wahrheit in jeder dieser Überlieferung.

Ich werde wohl nie herausfinden, welche Puzzleteile der Wahrheit entsprechen und welche Ausschmückung, Lüge und Interpretation sind. Aber alle Teile sind ein Zeugnis einer vergangenen Zeit und zeigen auf, was die Menschen von damals bewegt hat.

Eine Sorte Puzzleteile fehlt hingegen komplett: Die der Frau! In all den Überlieferungen ist sie bestenfalls eine Randerscheinung von minimaler Bedeutung. Von Heroismus gar nicht zu sprechen! Wurden die Frauen-Puzzleteile absichtlich entfernt oder haben sich die Frauen tatsächlich nur im Hintergrund bewegt?

Die Geschichte des einfachen Volkes

August 15, 2008 von Sofia Weiss

Wieder erholt von meiner Pechsträhne sind Annik und ich wohlauf, die Verletzung an ihrem Kinn schon abgeschwollen und meine Küche wieder sauber. Wie in Freds Kommentar steht, kommt ein Missgeschick selten allein und es gibt ja schliesslich Schlimmeres! Man ist manchmal so ganz auf seine „Mikro-Probleme“ fixiert, vergisst dabei, wie gut es uns eigentlich geht und wie lächerlich sie im Vergleich zu Problemen anderer Menschen sind. Andererseits ist es wohl ganz natürlich, Pseudoprobleme zu kreieren, wenn man keine existentiellen Ängste mehr hat – wohl ein Grund dafür, dass immer mehr Leute Depressionen haben.

Damit möchte ich zu den Eidgenossen überleiten. Mit welchen Problemen kämpften sie? Mal angenommen, Sablonier hat Recht und die Bündnisse waren rein adlige Angelegenheit, mit was befassten sich denn die einfachen Urschweizerinnen und Urschweizer? Vertrauten sie ihren Herren blind und waren überzeugt, dass diese sie zu schützen vermögen, oder haben sie selber auch Vorkehrungen unternommen? Ich tippe auf letzteres. Die Adligen hatten wahrscheinlich sowieso nur die Sicherung ihrer Macht und ihres Besitzes im Kopf, da machten sich die einfachen Leute zweifelsohne Gedanken, was sie tun würden, falls die fremden Mächte überhandnehmen. Sicher haben sie untereinander darüber gesprochen, wahrscheinlich auch eine Flucht in Erwägung gezogen und vielleicht sogar eigene Bündnisse geschlossen.
Falls es solche Bündnisse unter den einfachen Leuten gab, waren die vermutlich mündlicher Natur. Sie wurden in Erzählungen, Sagen und Liedern festgehalten und von Generation zu Generation weitergegeben. Diese Überlieferungen interessieren mich. Historiker meinen immer, nur Fakten zählen. Sicher wurden diese Überlieferungen ausgeschmückt, aber ihr Kern ist wahr. Sie erzählen die Geschichte des einfachen Volkes.

Kleine private Pechsträhne

August 13, 2008 von Sofia Weiss

Gestern war nicht gerade mein Glückstag: Zuerst hab ich unser Haus durch die automatisch schliessende Türe ohne Schlüssel verlassen. Das hab ich leider erst gemerkt, als ich mit vollen Einkaufstaschen wieder davor stand. Also fuhr ich ins Büro meines Mannes, wo ich – da schon leicht gereizt – glatt und ohne anzuklopfen in eine wichtige Sitzung reingeplatzt bin. Nach einem bösen Blick von Eric stand ich eine Stunde später mit schlechtem Gewissen wieder vor unserer Haustür, die Glacé geschmolzen, der Salat welk. Plan Lasagne aus Zeitmangel gestrichen. Plan B: Spaghettis. In dem Moment klingelte das Telefon, die Kindergartenlehrerin meiner Tochter. Sie sei beim „Fangis“ gröber gestürzt und hätte sich am Kinn aufgerissen. Ich solle sie doch bitte sofort abholen und zum Hausarzt bringen. Wahrscheinlich müsse man nähen. Ok, ok, Schuhe an und raus aus dem Haus – diesmal mit Schlüssel! Doktor Huser hatte auch gleich Zeit für meine Annik und hat sie sofort verarztet. Drei kleine Stiche genügten, es gäbe nur eine kleine Narbe. Glück im Unglück. Mit dem heulenden Mädchen am Arm – jetzt zugegeben ziemlich gereizt – traf ich Zuhause auf eine grosse Schlacht in der Küche: Das ganze Spaghettiwasser ist übergeschwappt und hat alles unter Wasser gesetzt. Halleluja! Ruhig Blut, in diesem Moment entschloss ich mich, den Rest dieses feindlich gesinnten Tages mit einem Buch im Wintergarten zu verbringen, Annik ausnahmsweise länger vor den Fernseher zu setzen und keine riskanten Tätigkeiten mehr auszuüben.

Als Eric gegen sieben nach Hause kam, war er verständlicherweise nicht grad bei bester Laune. Nach einem eher schweigsamen Nachtessen (kalte Speise!), hab ich mich hinter meinen PC zurückgezogen und den Kommentar dieses schlauen „Metahirnis“ gelesen. Krönung des Tages! Er vertritt die Meinung, dass ich doch einfach die Mythen so belassen sollte, wie sie sind und nicht alles hinterfragen. Danke, danke Metahirni, das hat mir mein Mann auch schon gesagt! Hoffen wir, dass der heutige 13.8. mehr Glück bringt!

Aegidius Tschudi: Gratwanderung zwischen Fakten und Fiktion

August 12, 2008 von Sofia Weiss

Aegidius Tschudi (1505 in Glarus geboren) war der erste offizielle Historiker der Schweiz. Zugleich war er Politiker – eine Tatsache, die nicht gerade förderlich für seine Glaubwürdigkeit ist…Allerdings war die politische Karriere für Tschudi insofern vorteilhaft, als dass er durch seine verschiedenen Ämter Einblick in alte Urkunden und Dokumente vor Ort hatte. Unter anderem hatte er Zugriff zum „Weissen Buch von Sarnen“. Dieses ist vermutlich im 15. Jh. von einem gewissen Obwaldner Hans Schriber verfasst worden und erzählt von der Befreiungssage mit allen dramatischen Elementen wie den bösen Vögten und den mutigen Eidgenossen. Auch Tells Geschichte ist darin festgehalten.

Tschudi hat diese Chronik im 16. Jh. zusammen mit anderen Urkunden in seiner „Chronicum Helveticum“ zusammengefasst. Heute weiss man, dass Tschudi sich bei der Interpretation der historischen Dokumente eine gewisse Freiheit genommen hat, sprich, er hat sie bei Bedarf nach seinem Gutdünken ausgeschmückt. Vermutlich tat er das, weil eine heldenhafte Story besser ankommt als eine trockene Zusammenfassung der historischen Fakte, was für seine politische Karriere hilfreich war. Zudem beruhten auch seine Quellen oftmals auf überlieferten Sagen, die bereits beschönigt wurden. Seine Geschichte der Schweiz wurde jedenfalls über Jahrhunderte überliefert und für die wahre Geschichte gehalten. Sablonier nennt seine Chronik „Gebrauchsgeschichte“ – eine Geschichte also, die wir Schweizer für unsere Identität brauchen.

Tellmeister – der neuzeitliche Tellensohn

August 11, 2008 von Sofia Weiss

Ich hab mich köstlich amüsiert, als ich am Samstag in der Berner Zeitung den Artikel von Christian Dorn über Adam Tellmeister, dem „Tellensohn im Berliner Exil“ gelesen habe. Dabei geht es um den Künstler Adam Meister, der sich selbst auf den Namen „Tellmeister“ umgetauft hat. Als Dienstverweigerer flieht er zunächst nach Venedig und beantragt später in Deutschland und Holland politisches Asyl. Die Deutschen Beamten konnten sich vor Lachen kaum erholen und hielten es für einen Scherz von der versteckten Kamera. Und doch sorgte dieser Antrag in der internationalen Presse für Furore: Der „Spiegel“ und die „New York Times“ berichten über den „Flüchtling aus dem Musterland“ der Demokratie. Nach weiteren mutigen Abenteuern möchte Tellmeister nun in die Schweiz zurückkehren und rückwirkend eine Strafanzeige gegen Wilhelm Tell wegen versuchter Kindstötung stellen:).
Für wahr ein mutiger Zeitgenosse ist Tellmeister. Als Kunstradikaler hat er mehrfach gegen Krieg protestiert und das Schweizer Militär kritisiert.
Tellmeister sieht sich in der Tradition Tells, „einer Figur, die sich nichsts sagen lässt und die ihren eigenen Kopf behauptet“. Tellmeister, ein sehr kritischer Zeitgeist, bedient sich ebenfalls des Schweizer Mythos, allerdings in einer völlig gegensätzlichen Art und Weise. Respekt!
(Mehr zu Tellmeister auch im folgenden Bund-Artikel: http://www.espace.ch/artikel_554132.html

Feurige Patrioten brauchen einen Mythos

August 8, 2008 von Sofia Weiss

Heute Morgen hab ich meinem Mann als erstes gefragt, was er genau unter einem Mythos versteht. Zunächst hat er sich natürlich aufgeregt und mir vorgeworfen, dass ich in letzter Zeit nur noch die Schweizer Urgeschichte mit ihren ach so heldenhaften Eidgenossen im Kopf habe. Doch nach einer Tasse Kaffe hat er sich doch dafür hergegeben, über den Begriff Mythos zu sinnieren. Eric meinte, bei einem Mythos handle es sich um geschichtliche Erzählungen, die auf Überlieferungen und nicht auf Fakten beruhen. Bspw. seien die griechischen-römischen Göttergeschichten Mythen oder „Adam und Eva“.
Auf die Frage, weshalb mich dieser Begriff so brennend interessiert, erzählte ich ihm von dem NZZ-Artikel über den Historiker Sablonier, wonach der Mythos der Urschweiz mit den mutigen Eidgenossen sogenannte „Mentalitätsgeschichte“ sei. Also Geschichte, die wichtig für unser Gemeinschaftsgefühl und die Identitätsfindung sei. Ein Mythos schafft bekanntlich Wissen über mündlich überlieferte Erzählungen und hat oftmals einen wahren Kern, der ausgeschmückt bzw. ideologisiert wurde.
Extreme Schweizer Patrioten glauben ohne geringsten Zweifel an diese Mythen. Demgegenüber stehen die eher kritischen Bürgerinnen und Bürger, die unsere Mythen hinterfragen und dadurch auch nie ein so starkes Identifikationsgefühl mit der Schweiz erlangen. Welches dieser Verhaltensmuster für das Wohl der Schweiz von Vorteil ist, möchte ich für heute offen lassen.

Symbolischer Wert des Rütlis

August 7, 2008 von Sofia Weiss

Zurück aus den Ferien, habe ich mich erst einmal schlau gemacht, was sich am 1. August in der Schweiz ereignete. Schade, dass die Rütli-Feier wegen heftigen Regens abrupt abgebrochen werden musste. Es steckt immer eine riesige Organisation hinter dem Anlass und ich schätze dieses Engagement für unsere Schweiz sehr. Wenigstens liess der Regen die Ansprache des Urner Sicherheitsdirektors Josef Dittli noch zu. Dittli rief die Schweizerinnen und Schweizer dazu auf, Sorge zu tragen zu den Werten und Errungenschaften der Vorfahren und damit zu den föderalistischen Strukturen, zur Neutralität, zur Unabhängigkeit und den Sozialwerken ( http://www.zisch.ch/FTP-Upload/ZischDaten/zischbonus/Ansprache_Dittli.pdf). Es scheint, dass er damit auf mutige Eidgenossen anspielt, die sich einst für die Freiheit und Unabhängigkeit der Schweiz eingesetzt haben.

Er wagte es sogar, das Rütli als symbolischen Geburtsort der Schweiz zu bezeichnen. Das Rütli als Symbol von Freiheit und Solidarität zu bezeichnen, just nach der Veröffentlichung von Sabloniers neuem Buch, wird sicherlich in gewissen Kreisen den Vorwurf von Ignoranz mit sich ziehen. Andererseits spricht er ja explizit von Symbolik.

Es stellt sich die Frage, ob ein Symbol legitim ist, das früher mit einem wahren Ereignis verbunden war, von dem heute behauptet wird, dass es nie stattgefunden hat. Viele Symbole wie bspw. das Herz für Liebe haben abstrakten Charakter. Der Symbolwert des Rütlis hingegen ist historischer Art. Folgerichtig würde es seine symbolische Bedeutung verlieren, sobald sich das dazugehörige geschichtliche Ereignis als freie Erfindung entpuppt. Schreiben wichtige Politiker dem Rütli immer noch einen symbolischen Wert zu, weil sie insgeheim doch an den Rütlischwur und die Eidgenossen glauben?

Eidgenossen erscheinen in neuem Licht

Juli 29, 2008 von Sofia Weiss

Ein gewisser Blogleser namens „Socrates“ hat mich auf einen höchst interessanten Artikel über die Eidgenossen bzw. die Entstehung der Schweiz hingewiesen, den die NZZ vergangenen Sonntag publizierte. Es ist mir etwas peinlich, dass ich nicht selber auf diesen Artikel gestossen bin, doch zu meiner Verteidigung kann ich sagen, dass ich seit einer Woche in Frankreich in den Ferien verweile und bisher noch keiner NZZ begegnet bin.

Dito, jedenfalls danke ich „Socrates“ für den Tipp und akzeptiere es auch, als „Hobbyhistorikerin“ bezeichnet zu werden – schliesslich bin ich das wirklich. Ich habe den Artikel sofort auf dem Internet nachlesen können und er hat mich sehr bewegt.

Gemäss dem NZZ-Artikel „Auch die Urschweiz gab es nicht“ (http://www.nzz.ch/nachrichten/wissenschaft/auch_die_urschweiz_gab_es_nicht_1.793328.html) gibt es keinen Rütlischwur. Ich zitiere „Auf dem Rütli passierte im August 1291 gar nichts. Der Bundesbrief ist eine Vereinbarung des einheimischen Adels zur Sicherung des inneren Friedens und der bestehenden Herrschaftsordnung.“ Da ich mich schon seit längerem mit unserer Eidgenossenschaft beschäftige, bin ich natürlich bereits auf derartige Behauptungen gestossen. Doch noch nie bin ich auf eine solch fundierte und plausibel erscheinende Interpretation wie die vom Historiker Sablonier gestossen. Er beschreibt das 13. und 14. Jahrhundert in der Schweiz als eine sehr bewegte Zeit, in der die territorialen Ansprüche von aussen zunahmen. Die einheimischen Adligen wollten ihre Stellung wahren und hätten deshalb 1291 eine Vereinbarung zur inneren Friedenssicherung unterzeichnet. Es sei im Bundesbrief also nicht um Freiheit, Widerstand oder gar Gründung gegangen, sondern vielmehr um Wahrung des inneren Friedens und der bestehenden Herrschaftsordnung.

Ich muss zugeben, Sabloniers Interpretation hat durchaus Berechtigung und ich bewundere seine Arbeit. Ich schätze es übrigens sehr, dass er und die NZZ-Journalistin Kathrin Meier-Rust die alte „Schweizer Geschichte“ mit Tell und den mutigen Eidgenossen nicht anprangert, sondern diese „Gebrauchsgeschichte“ als wertvoll für die Identitätsfindung der Schweiz auf ideologische und emotionale Weise sehen.

Doch ich kann nicht ganz loslassen von der Idee, dass die Auflehnung gegen die fremde Obrigkeit auch bei den einfachen Leuten stattgefunden hat. So viele geschichtliche Dokumente weisen darauf hin. Es kann doch nicht sein, dass da kein Fünkchen Wahrheit drin steckt. Zudem beschreibt auch Sablonier die historischen Quellen dieser Zeit als spärlich und schwer zu deuten. Er sagt, es gehe darum, eine gewisse Plausibilität herzustellen und daraus schliesse ich, dass der Interpretationsspielraum gross ist und sicherlich noch nicht die hundertprozentige Wahrheit am Licht ist.

Übrigens ist Roger Sabloniers Buch „Gründungszeit ohne Eidgenossen“ bereits vergriffen. Das Interesse an der Geschichte unserer Urschweiz scheint gross zu sein und ich freue mich auf weitere Gedankenstösse und Diskussionen.

Vielbeschworene Vielfalt in der Einheit

Juli 21, 2008 von Sofia Weiss

Gestern hat mich Eric, mein Mann, gefragt, weshalb es mich der Ursprung der Schweiz dermassen interessiere. Er kann mehr schlecht als recht nachvollziehen, dass ich sogar den Aufwand auf mich nehme, in meiner doch eher spärlichen Freizeit, einen Blog über dieses Thema zu führen. Er zieht die Lektüre eines spannenden Krimis oder einen amüsanten DVD-Abend der Lektüre von alten, seiner Meinung nach trockenen Überlieferungen von irgendwelchen verstorbenen Historikern vor.

Diese Haltung möchte ich natürlich keineswegs verurteilen. Ich kann meine Faszination auch nur mit Mühe erklären. Sagen wir es mal so: Mich fesselt der Gedanke an die vielbeschworene Vielfalt in der Einheit, welche die drei Eidgenossen symbolisieren. Gemäss Überlieferungen kooperieren die drei Eidgenossen und ihr Denken geht dabei über ihren Stand und über ihre Herkunft hinaus. Weil sie im Grossen denken und realisieren, dass sie nur gemeinsam stark sind und Eigenbrötelei sie nicht weiter bringt, sind sie stark und gründen ein wunderbar vielfältiges Land – unsere Schweiz! Wer waren diese drei Herren? Weshalb brachten sie den Mut auf, sich gegen die Vögte der Grafen von Habsburg aufzulehnen? Bekanntlich nahmen sie das Risiko auf sich, das Deutsche Reich gegen sich aufzubringen mit dem Ziel, ihre Autonomierechte zu verlängern.

Ich stelle mir immer wieder die Frage, was passieren muss, damit sich einzelne Personen oder Teile einer Gesellschaft zusammenschliessen und sich gegen die Obrigkeit auflehnen. Wie stark muss die Unzufriedenheit über die herrschenden Mächte sein, damit man ein so grosses Risiko – nämlich sein eigenes Leben für eine Idee hinzugeben – auf sich nimmt? Was erlebten unsere Eidgenossen?

1. August

Juli 15, 2008 von Sofia Weiss

Schon sehr bald feiern wir Schweizer wieder unseren Nationalfeiertag. Wie schon jedem Schulkind bekannt, gilt hierzulande der 1. August 1291 als Geburtstermin der Schweiz.

Ich habe mir die Frage gestellt, was dieser Nationalfeiertag für uns bedeutet. Als erstes kommen mir die pfeifenden Raketen und Knallfrösche in den Sinn, welche schon ab Mitte Juli durch die Lüfte sausen und die Kinderherzen höher schlagen lassen, während sie die armen Haus- und Waldtiere sowie die etwas Sensibleren unter uns in Angst und Schrecken versetzen. Feierliche Reden prominenter Politiker, die unsere Eidgenossenschaft in hohen Tönen loben, Cervelat-Bräteln, heiteres Zusammensein mit Kind und Kegel, Freunden und Verwandten und „Schwizer-Örgeli“-Musik sind weitere Assoziationen, die ich zum 1. August habe.

Der Rahmen des Festes wäre damit gesetzt. Weniger klar ist mir hingegen die Geschichte, die hinter der Geburt der Schweiz steht. Der Ursprung unserer Eidgenossenschaft interessiert mich sehr; schon viele Stunden habe ich mit der Lektüre unserer Schweizer Gründungsgeschichte verbracht und bin dabei auf teils widersprüchliche Dokumente gestossen, die mich stutzig werden liessen. In diesem Blog möchte ich einzelne Themen aufgreifen und zur Diskussion stellen. Ich freue mich auf einen lebhaften Meinungsaustausch und erhoffe mir, dass ich etwas Klarheit über die wahre Gründungsgeschichte der Schweiz erhalte.